Fortbildung für einen effektiven Unterricht
Am Allgemeinen Russischlehrerseminar im Seminarzentrum des Bundes in Raach im Hochgebirge nahmen 18 Russischlehrer aus sechs Bundesländern teil. Das Ziel des Seminars ist die didaktische Fortbildung der Lehrer und die Vernetzung untereinander zur Weitergabe von Unterrichtserfahrung.
Das Seminar wurde von drei auf zwei Tage durch die PH NÖ gekürzt, aber es lohnte sich auf jeden Fall, weil die Fortbildung abseits von der Reifeprüfung für die Lehrerinnen und Lehrer wichtig ist. Junge und erfahrene Lehrer tauschten sich aus, hörten den Vorträgen zu, die interaktiv gestaltet waren, verbrachten die Freizeit miteinander. Die Umgebung des Seminarzentrums im Alpenvorland förderte die gute Atmosphäre unter den Kollegen.
Der Einstieg in das Seminar war musikalisch. Lisa-Maria Goros stellte am Sonntag Abend, dem 30.8.2026 den Einsatz von zeitgenössischer Musik im Unterricht vor. Im Vortrag am nächsten Vormittag im Seminarraum der Gemeinde Raach motivierte sie die Seminarteilnehmer zum Mitsingen. Sie stellte die anspruchsvollen Übungsmaterialien vor, die sie für die Studenten ausgearbeitet hatte, und motiviert die Seminarteilnehmer auf, selbst vor den anderen ein Lied zu präsentieren: Oй, цветёт калина / Мы желаем счастья вам / На Тихорецкую
Lisa-Maria Goros erzählte, dass Michaela Liaunig, die 2025 jung verstorben war, erstmals vor 15 Jahren ein Seminar zur Musik an der Slawistik veranstaltet hatte. "Mittlerweile gibt es eine Institutsgitarre", bemerkte sie humorvoll. Das Repertoire des Chors reicht von Altkirchenslawischen Gesängen bis zu modernen Liedern in slawischen und nichtslawischen Sprachen, sogar auf Udmurtisch, Burgenlandkroatisch (Youtube-Kanal des Instituts für Slawistik).
Im Fokus der Lehrveranstaltung an der Universität standen Grammatik, Phonetik und Lexik. Dafür war eine Präsenzveranstaltung nötig. Das Weihnachtskonzert der Slawistik war Teil der Übung. Es wurden schriftliche Tests durchgeführt. Am Ende des Semesters musste jeder ein bis zwei Lieder auswendig vortragen. Gefordert waren Vokabelaufzeichnungen (analog, digital), weil die Teilnehmer unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten. Jeder Teilnehmer erstellte eine Übung zu einem Lied, die er mit den anderen Teilnehmern durchführte. Das Repertoire aus verschiedenen Genres wurde in jedem Semester gewechselt, weil viele Studenten alle drei Semester teilnahmen.
Die Methoden, die Mag. Rebecca Lacroix vorstellte, üben unterschiedliche Fertigkeiten im Rahmen des Unterrichts.
- Aktionskarten: die Aufmerksamkeit der Schüler im Unterricht binden. Sie müssen die Karte, die sie ziehen, zum richtigen Moment einsetzen, können auch tauschen
Reaktionen "это хорошая идея" oder Aktionen "c, пожалуйста"
- Spalier oder Kugellager (im Freien auch möglich)
Die Reihen gehen gegengleich, so dass der Lehrer, der am Ende des Spaliers steht, alle Schüler mindestens einmal hört.
"У тебя есть? … Нет, у меня нет..." Dadurch wird der Redefluss nach dem Muster authentischer Redewendungen gestärkt.
- Dialog abwandeln
Dialog über Geburtstage der Familienmitglieder
- Gesprächsplan
Gespräch über den Stundenplan z.B. bei unterschiedlichen Klassen oder mit entworfenen Stundenplänen mit Gesprächsschritten in einer Tabelle
- Rollenspiel
als Vorbereitung für die Matura als Beispiel zum Thema Umweltschutzaktion von Schülern
Mag. Eva Maria Kaiser stellte russische Filme und ihren Einsatz im Unterricht vor. Ihrer Erfahrung nach ist ein Film wie ein "Sprachbad" mit Sprachmelodie und Intonation. Die Untertitel auf Russisch werden eingeblendet. Schüler sind es gewohnt, Ton, Text und Bild gleichzeitig wahrzunehmen.
"Magie, Geheimnis und Liebe - vom Bildschirm zum Gespräch"- diese Themen finden sich in russischen Filmen und machen sie interessant. Unter "Magie" verstand die Vortragende das "Rätselhafte". Viele Filme können online abgespielt werden. Als Beispiel brachte Eva Maria Kaiser den Film Aviator.
Vor dem Ansehen des Films:
Mittels Mentimeter wurden drei Fragen als Vorbereitung auf den Film "Aviator" an die Teilnehmer gestellt
- Der Adler ist Symbol für (Орёл символ...)
- Vor hundert Jahren haben Leute... (Cто лет назад люди...)
- Ewig ist... (Вечными бывают...)
Das Filmplakat wird von Schülern beschrieben, ohne dass sie den Inhalt des Films kennen.
Während des Ansehens des Films:
Wörter, die im Film vorkommen, werden im Rahmen eines Bingospiels geübt.
Der Film gibt die Möglichkeit, kulturelle und interkulturelle Lernziele zu verfolgen. Der Bestsellerautor Евгений Водолазкин, gebürtig aus Kiev, tätig in St. Petersburg, wird in einem Fernsehinterview vorgestellt. Er bezieht sich auf Werke von Aleksandr Blok, auf den auferweckten Lazarus im Johannesevangelium, auf die Zeit der Sowjetunion und das GULAG auf den Solovezki-Inseln, das Höhlengleichnis von Platon und die Frage der Erkenntnis der Wirklichkeit, "Krionik", das Einfrieren von Menschen in der Hoffnung auf Wiedererweckung.
Wenn man sich aus zeitlichen Gründen keinen ganzen Film ansehen kann, gibt es die Möglichkeit, Trailler und Kurzbeschreibungen von Filmen im Unterricht vorzustellen.
Marianna Smirnova, die Vizedirektorin der Schule Nr. 40 in Riga, beschrieb die Situation der russischen Sprache im modernen Lettland. Wenn man von “Russen in Lettland” spricht, meint man damit russischsprachige Einwohner. In ihrer Schule sind Jugendliche aus 19 Nationalitäten vertreten, welche die russische Sprache als häusliche Kultursprache verbindet. Die Hälfte der Einwohner Rigas ist russischsprachig. Bis zur 9. Schulstufe waren früher 5 Sprachstunden und 2 Literaturstunden vorgesehen. Heute können Schulen ein dreistündiges Freifach Russisch am Nachmittag für die 1.-9. Schulstufe anbieten, das nicht benotet wird, bei dem es keine schriftlichen Überprüfungen und keine Anwesenheitspflicht gibt. In der Schule Nr. 40 nehmen in den Anfängerklassen fast alle Schüler daran teil, bis zur 9. Schulstufe sinkt die Quote auf 60% der Schüler, wobei die Freiwilligkeit ein besonderes Lernklima bewirkt.
Es gab bis vor kurzem Schulen der nationalen Minderheiten - russische, polnische, ukrainische Schulen - mit 40% der Unterrichtsstunden in der Muttersprache und 60% in Lettisch. Heute ist nur mehr Lettisch zulässig. Russische Bücher dürfen heute in Lettland nicht verkauft werden, Russisch ist in der Werbung verboten. Lettische Schüler lernen gerne Russisch, weil es die Sprache der Nachbarn ist, die in derselben Stadt wohnen.
Die Schule Nr. 40 gehörte früher zu den Minderheitsschulen für Russischsprachige. Heuer 2026 wurde sie als die viertbeste Schule in Lettland bezüglich Schülerleistungen und anderer Kriterien ausgezeichnet.
Smirnova ist Präsidentin des Lettischen Russischlehrerverbands. Sie ist Spezialistin für Russisch als Muttersprache und unterrichtet russische Literatur auf Russisch in der 10.-12. Klasse.
Durch den Schüleraustausch mit dem Schottengymnasium beschäftigte sie sich intensiv mit Russisch als Fremdsprache. Die Arbeit mit dem Buch Jasno brachte sie auf verschiedenen Überlegungen, die sie mit den Seminarteilnehmern teilte.
Als Administratorin ihrer Schule besucht sie Stunden unterschiedlicher Fächer. Sie sieht die Verbindungen zwischen den Fächern als wesentlich, die Schüler sind oft darüber überrascht. Die Methoden des einen Faches können auch für ein anderes Fach nützlich sein. Aus der Beobachtung des Volksschulunterrichts brachte sie Unterrichtsprinzipien für die höheren Klassen. Sprachunterricht unterscheidet sich von anderen Fächern, weil jeder Schüler reden muss. Er kann nicht einfach nur zuhören.
1) Zungenbrecher: Das Ziel ist, genau zu sprechen. Das russische "r" macht Russen in jeder Sprache sofort erkennbar, für Österreicher aber mitunter schwierig. Für Russischsprachige sind die Umlaute und "r" im Deutschen eine Herausforderung beim Deutschlernen. Zungenbrecher скороговорки:
1. befreien von der Scham zu reden, weil das Wiederholen von einer schr
2. helfen verstehen, wie die Aussprache funktioniert
Schüler, die es gut schaffen, können die Zungenbrecher aussprechen und fühlen sich motiviert. Das Lob ist wesentlich. Darin unterscheiden sich die österreichischen nicht von den lettischen Schülern. Letten legen viel Wert auf die Aussprache ihrer Muttersprache. Manche Schüler interessieren die Gründe für die Regeln der Aussprache. Mittels der Gestik kann man die Aussprache symbolisch darstellen.
Ein Zungenbrecher kann mehrere Laute trainieren - z.B. am Beginn oder am Ende der Stunde.
Мама мыла Милу мылом. Мила мыло не любила.
2) Methode des grünen Stifts Метод зелёной ручки.
Verschiedenfarbige Stifte symbolisieren bestimmte Inhalte. Die Vielfalt an Informationen in Lehrbüchern kann Schüler langweilen, deshalb sind Präsentationen in Farben eine gute Ergänzung. Dabei sollten Texte in ihren Bestandteilen farblich herausgehoben werden, was im Lehrbuch oft nicht der Fall ist z.B. gleiche Laute in gleicher Farbe.
Auch im Literaturunterricht markiert Smirnova Textteile, was Schüler in ihren Präsentationen von sich aus übernehmen. Farben deuten schon an, in welche Richtung die Beantwortung der Frage geht z.B. Vorsilben bei Verben der Bewegung. Besser ist es, bekannte Ortsnamen zu verwenden, um neue Grammatikthemen zu erschließen z.B. Verben der Bewegung. Russische Straßennamen können kompliziert wirken, sie lenken von der Grammatikübung ab.
3) Grafisches Diktat Графический диктант/Рисунок по клеточкам
Auf einem karierten Blatt müssen Schüler Linien nach Anweisung malen und lernen damit die Wörter “вверх, направо...”. In der Volksschule lernen die Kinder damit Aufmerksamkeit, weil sie auf sich selbst schauen müssen.
Schüler können selbst vorlesen.
4) Textarbeit: Text einblenden, an der rechten Seite die Fragen zum Text in verschiedenen Farben und die Antwort im Text in derselben Farbe hervorheben. Im Lehrbuch oder auf dem Zettel erscheint keine Farbe, auf der Leinwand ist es wie eine Überraschung. Das spart außerdem Zeit, weil man den Schülern die Position im Text nicht zeigen muss.
Für das Programm "Canva" können Lehrer mit Bestätigung der Schule eine Premiumversion bekommen. Damit ist auch eine Gruppenarbeit im Präsentationen möglich.
Am Anfang der Stunde kann man eine Folie der letzten Stunde einblenden und einen Minidialog beginnen. Die Schüler können sich an der Folie orientieren, ohne dass sie der Lehrer kommentiert.
5) Kreativitätswerkstatt Творческая мастерская
Eine Hilfe für den Schüler, einen Text aus vorhandenem Material zu verfassen. Dauer des Unterrichts: Doppelstunde. Der Schüler erhält ein leeres Blatt. Er entspannt sich: Musik hören, Entspannungsübung ansagen. Er malt eine Form auf das Blatt, das er liegen lässt, wie er will, z.B. ein Haus oder Hand oder Blumen. Der Schüler wird gelobt. Dann soll er nachdenken, was sich in dem Haus befindet, und es in das Haus schreiben: Gegenstände, Personen, Situationen, Stimmungen. Danach wird die Umgebung beschrieben. Das Wesen der Technik besteht darin, dass die Schüler beschreiben, was sie gerade bewegt und für sie wichtig ist. Sie wählen einen Begriff ihrer Zeichnung aus, den sie auf einen Zettel mit Adjektiven bzw. anderen Wortformen bereichern. Dann schreiben sie einen Text. Alle bekommen die beste Note. Der Schüler wird bestätigt durch das Gefühl, einen Text schreiben zu können.
6) Ratschläge für Präsentationen
Auf den Präsentationen sind keine Arbeitsanweisungen, weil die Wahl der Arbeitsform von der Stimmung der Schüler abhängt. Zu schöne und reiche Bilder lenken ab. Die Farbe soll auf das Wesentliche hinweisen, deshalb sind einfache Grafiken zu bevorzugen.
Thema: Feiern
erst bekannte Verben wiederholen mit den Konjugationen
праздновать Aussprache und dann Konjugation
Feiertage erst ohne Datum präsentieren, weil Zahlen kompliziert sind.
einfachen Dialog an der Leinwand zeigen und mit aufscheinenden Fragen am Rand die Antworten markieren
die Schwierigkeit besteht darin, Numeralia und Ordinalia zu verbinden
die Monate in Farben nach Jahreszeiten markieren, gibt die Möglichkeit, die Monate in Abschnitten zu lernen.
Schüler haben Schwierigkeiten damit, Monate mit Zahlen zu verbinden. Dabei helfen Farben und ein Kalender im Überblick.
Dann folgt die Einführung zum Datum. Zuerst sagt der Schüler, in welchem Monat welcher Feiertag begangen wird.
Die darauffolgende schriftliche Übung korrigieren die Schüler untereinander.
Aufgrund der elektronischen Geräte sind Schüler an Visualisierung gewöhnt.
Das Resultat der Stunde ist ein Minidialog anhand von vorgegebenen Fragen.
Die Wörter праздновать und поздравлять sollten in verschiedenen Stunden unterrichtet werden, weil sie ähnlich sind.
Gleichbleibende Symbolik auf den Folien hilft den Schülern zu verstehen, welche Unterrichtsform folgt.
Bestimmte Worte können nicht erklärt, sondern müssen auswendig gelernt werden: z.B. unterschiedliche Deklination von олень und день. In russischen Schulen werden Считалочки gelernt.
7) Kunstmotiv Художественный образ
Welche Methoden kann man in der Literaturstunde einsetzen?
Anhand einer einfachen Erzählung (колобок), die alle Schüler aus der Kindheit kennen, werden literaturwissenschaftliche Termina eingeführt (Anfang, Höhepunkt, Handlung, Motiv, Ende...), Geschichte der Erzählung bzw. des Genres und Symbolik erklärt (z.B. philosophische Bedeutung eines Kreises): колобок.
Diskursive Analyse
Welche Ausdrücke kommen oft im Text vor? Welche Bedeutung haben sie? Welche Personen verwenden welche Sprache? Was symbolisieren sie? Welches übergeordnete Thema wird durch eine Erzählung ausgedrückt (z.B. Freiheit, Unendlichkeit)?
P. Sebastian Hacker beschrieb in seinem Vortag die Möglichkeit, Reisen zum Russischerwerb und zur Beschäftigung mit russischer Kultur in Gruppen zu unternehmen. Er zeigte die Ressourcen auf der Website www.russischlehrer.at Die Seminarteilnehmer diskutierten Perspektiven für den künftigen Unterricht des Russischen mit eventuell verringerter Stundenzahl an AHS und bereitete die Teilnahme von zwei Russischlehrervertreterinnen an der Bundes-ARGE-Tagung in Kremsmünster im Oktober 2026 vor, zu der das Bildungsministerium eingeladen hatte.
Dr. Erich Poyntner erläuterte in seinem Vortrag anhand von Textbeispielen das Bild des “лишний человек” in der russischen und deutschsprachigen Literatur. Damit sind Persönlichkeiten gemeint, die sich nicht der Gesellschaft zugehörig fühlen und einen Eindruck von, wörtlich übersetzt, "überzählig” machen.
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